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Campergespräche: Robin

Campergespräche: Robin

Moderner Nomade, Individualist, kreativer Querdenker: Robin Raindropcatcher (26), ursprünglich aus Wien, hat dem bürgerlichen Leben den Rücken gekehrt. Seit einem halben Jahr ist er in seinem umgebauten Van „Hermes“ unterwegs und berichtet auf seinem englischsprachigen Blog About Wings über seine Erfahrungen und Erlebnisse. Im Skype-Interview hat er uns viele sehr persönliche Einblicke in seinen bewegten Reisealltag gewährt.

CamperStyle: Erste Frage – wo erwischen wir dich gerade?

Robin: Aktuell ende ich gerade meine Überwinterungszeit in Valencia/Spanien, vorher habe ich in im Süden Italiens, Frankreichs und in Teilen Südspaniens Station gemacht.

CamperStyle: Wann und wie hast du gemerkt, dass Sesshaftigkeit nichts für dich ist?

Robin: Das ging eigentlich schon recht früh los. Mit 19 bin ich 2009 nach London gezogen, um dort zu arbeiten – weil ich dachte, das sei DIE Stadt für mich. Dafür habe ich auch einen Bürojob in Kauf genommen. Leider ist das Leben dort unerschwinglich teuer und mir wurde, trotz meiner Liebe zur britischen Hauptstadt, bewusst, dass ich nicht nur auf der Welt sein will, um quasi rund um die Uhr zu arbeiten. Nachdem ich mir auf verschiedenen Blogs Inspirationen geholt hatte, bin ich kurzerhand aus meiner WG ausgezogen und habe alle meine „überflüssigen“ Besitztümer gespendet, um ganz minimalistisch per Rucksack durch Südengland zu reisen.
Danach gings noch eine Zeit lang durch Deutschland und die Heimat, Österreich, wo ich nach einem Jahr Sesshaftigkeit mit dem Ex-Partner versuchen wollte, in meiner eigenen Wohnung zu bleiben. Doch schon nach zwei, drei Monaten musste ich feststellen, dass mich das absolut nicht glücklich machte. Ich habe mich gefühlt wie in einem goldenen Käfig. Als dann beruflich noch eine große Einnahmequelle weggebrochen ist und ich mir die Wohnung nicht mehr leisten konnte, kam die Entscheidung zum komplett „mobilen Leben“ wie von selbst – aus heutiger Sicht das Beste, was mir passieren konnte.

CamperStyle: Wie hat dein Umfeld auf diese radikale Entscheidung reagiert?

Robin: Eigentlich war niemand so richtig überrascht. Klar, für meine Familie ist die Situation nicht einfach – vor allem meine Mutter und meine Oma hätten mich gerne um sich und ich glaube, sie hoffen immer noch, dass ich mich irgendwann wieder dauerhaft in ihrer Nähe niederlassen werde. Trotzdem haben mich die beiden ganz toll unterstützt. Von Mama gab’s den Van, der plötzlich als Geburtstagsüberraschung vor der Tür stand – ich bin fast umgekippt! – und Oma hat meine Fahrstunden finanziert. Denn bis dato hatte ich überhaupt keine Notwendigkeit gesehen, einen Führerschein zu besitzen.

CamperStyle: Du bist also quasi von Null gestartet…

Robin: Ja, das kann man so sagen. Ich habe mir ein halbes Jahr gegeben, um alles vorzubereiten. Das hieß für mich: Zeitgleich für die Fahrschule zu büffeln und „Hermes“ auszubauen. Denn für mich war klar, dass ich nach meinen Backpacking-Touren für die nächsten Reisen mein eigenes kleines Zuhause schaffen und nach meinem Geschmack gestalten wollte.

CamperStyle: Welche Erfahrungen hattest du denn schon mit solchen Eigenumbau-Projekten?

Robin (lacht): Ehrlich gesagt gar keine. Ich dachte auch immer, ich wäre handwerklich nicht sehr geschickt. Nach langem Suchen fand ich in einem Youtube-Video das Set Up, das meinen Ansprüchen und dem sehr kleinen Van gerecht wurde und hab mir darauf hin die Pläne selbst gezeichnet und errechnet. Zum Beispiel war es mir wichtig, neben einem Bett auch eine Sitzgelegenheit im Van zu haben. Das war echtes „Learning by Doing“, bei dem unvermeidlicherweise auch einige kleinere Fehlkonstruktionen herausgekommen sind. Die sehe ich aber gelassen – sie gehören einfach als liebenswerte Macken zu meinem „Hermes“.

CamperStyle: Kannst du kurz beschreiben, welche Komponenten du eingebaut hast und wie du sie nutzt? Und welche Grundausstattung du immer dabei hast?

Robin: Die Grundausstattung besteht wirklich in erster Line aus drei Holzkisten. Zwei davon kann man tagsüber als Sitzgelegenheit verwenden und nachts zum Bett aufklappen. Ansonsten habe ich einen Campingkocher, den ich allerdings noch nicht oft verwendet habe, weil ich die meiste Zeit bisher in Städten verbracht habe und zum Kochen die Tür öffnen müsste – was nicht sonderlich hilfreich ist, wenn man „Under Cover“ bleiben will.

CamperStyle: Was sind für dich die Vorteile an deinem Van gegenüber Backpacking-Reisen oder größeren Reisemobilen?

Robin: Durch meinen Versuch, wieder sesshaft zu werden, wurde mir klar, dass ich sehr wohl eine Art Zuhause, einen Anker wollte. Ich wollte mir keine Gedanken um ein Dach über dem Kopf machen müssen. Gleichzeitig wollte ich endlich wieder zu reisen beginnen. Und über ein paar Youtube-Kanäle, die vom Leben und Reisen in Kleinbussen handeln, hat es mich dann irgendwann wie ein Blitz getroffen.
Das heißt, ich finde es toll, dass ich so etwas wie ein Zuhause zum Mitnehmen habe. Etwas, das mir Privatsphäre und ein gewisses Gefühl von Sicherheit bietet und doch mobil ist.

CamperStyle: Auffällig ist an deinem Van, dass er mit vielen Dekoelementen und Erinnerungsstücken geschmückt ist. Auf so kleinem Raum eigentlich eher eine Belastung, oder?

Robin: Das stimmt, aber ich muss mich ja auch wohlfühlen. Ich weiß, dass ich diese Dinge eigentlich nicht „brauche“, doch sie bringen mir ein Stück Kindheit zurück und schaffen auch unterwegs eine emotionale Verbindung zu meiner Familie.

CamperStyle: Was bedeutet Reisen für dich ganz konkret? Was gefällt dir daran, ständig unterwegs zu sein?

Robin: Zum einen werde ich schnell unruhig, wenn ich zu lange an einem Ort verweile. Durch das Reisen lerne ich viele neue Menschen und Ecken dieser Welt kennen und kann in Bereiche reinschnuppern, zu denen ich sonst nie Zugang hätte. So habe ich als Volunteer zum Beispiel schon Oliven geerntet oder Mauern gebaut, was ich mir vorher nie “erträumt” hätte.

Der tiefere Grund liegt aber für mich darin, dass ich durch das Reisen die Zeit entschleunigen kann. Wenn du in der Alltagsroutine festhängst, vergeht die Zeit mit zunehmendem Alter immer schneller und schneller. Ein Tag ist wie der andere, und kaum schaut man sich um, ist schon wieder ein Jahr vorbei. Je mehr Veränderungen du jedoch in dein Leben bringst, desto bewusster und langsamer nimmst du es wahr. Eine Woche, in der du viele neue Eindrücke sammelst, fühlt sich für dich an wie eine kleine Ewigkeit.
Auf diese Art fülle ich mein Leben mit mehr als Job und Fitnesscenter und kann meine außergewöhnlichen Erfahrungen viel intensiver erleben.

CamperStyle: Welche Länder oder Städte hast du mittlerweile kennengelernt und wie lange bleibst du in der Regel an einem Ort?

Robin: Ich habe in meinem Leben schon viele Länder und Städte gesehen, aber seit ich mit dem Van unterwegs bin, war ich in Venedig, Genua, Nizza, Marseille, Montpellier (das es mir besonders angetan hat, obwohl ich eigentlich kein allzu großer Frankreich-Fan bin), Barcelona und Valencia. Zusätzlich habe ich auch in den Alpujarras und bei La Maroma im Süden Spaniens längere Stops eingelegt. Die Dauer meiner Aufenthalte variieren wirklich enorm. Das kommt immer auf die Situation an. Durch Italien und Frankreich musste ich wegen des einbrechenden Winters schnell durch, hingegen in Valencia bin ich jetzt schon wieder länger als einen Monat, weil ich hier tolle Freunde gefunden habe und das Wetter sehr genieße.

CamperStyle: Was ist die größte persönliche Herausforderung, der du dich in deinem mobilen Leben stellen musst?

Robin: Oh, da muss ich überlegen… Eigentlich sind das zwei Punkte, an denen ich manchmal zu knabbern habe und die auch irgendwie zusammenhängen: Zum einen fällt es mir wahnsinnig schwer, auf fremde Menschen zuzugehen. Ich arbeite hart daran, das zu ändern, aber es kostet mich jede Menge Energie, meine Schüchternheit zu bekämpfen. Und die Sprachbarrieren, die natürlich immer wieder auftreten, helfen da auch nicht gerade weiter. Wenn automatische Bekanntschaften durch Airbnb- und Couchsurfing-Schlafgelegenheiten wegfallen, weil man im Kleinbus schläft, ist es nicht so leicht, neue Freunde kennenzulernen. Zum anderen überkommt mich schon manchmal ein bisschen die Einsamkeit, wenn ich so alleine in meinem kleinen „Sarg“ (wie gesagt, „Hermes“ ist relativ klein) durch die Lande ziehe. Aber auch das muss man lernen auszuhalten, um ein solch freies Leben führen zu können. Außerdem könnte sich das demnächst ändern. Aber dazu will ich noch nicht zu viel verraten.

CamperStyle: Was hast du auf deinen Reisen bis jetzt über dich gelernt?

Robin: Loszulassen. Das gilt für Dinge, die man nicht wirklich braucht, ebenso wie für Freundschaften oder Bekanntschaften, die nicht mehr funktionieren, weil man sich auseinandergelebt hat. Ich habe wieder mal gelernt, wieder mehr auf mich selbst zu achten und nicht immer nur auf alle anderen aufzupassen. Das könnte auf manche Leser egoistisch wirken. Und das ist auch okay. Ich habe einen sehr großen Teil meines Lebens nicht auf mein Ego geachtet. Tatsache ist nunmal, dass man nur wirklich gut für andere da sein kann, wenn man auch für sich selbst da sein kann. Eine weitere wichtige Erkenntnis für mich war, dass man seine Ängste nicht die Überhand gewinnen lassen sollte. Die „Worst-Case-Szenarien“, die man sich manchmal ausmalt, treten meist gar nicht erst ein. Und falls doch, bleibt immer noch Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen… Sicherheit, wie sie uns tagtäglich eingebläut wird, ist eine Illusion. Eine große Seifenblase, die für mich geplatzt ist, als genau in dem einen Jahr, in dem ich sesshaft war, in meine Wohnung eingebrochen wurde. Ob ich nun in einer festen Wohnung oder in einem Van lebe, macht dann auch keinen Unterschied mehr. Oh, doch. Im Van freue ich mich sogar über Situationen, in denen ich nicht so sicher bin, und sehe sie mehr als Abenteuer an, anstatt als etwas, wovor ich mich verstecken sollte.

CamperStyle: Wie wirst du die weitere Reise finanzieren? Planst du vielleicht doch irgendwann, dich irgendwo niederzulassen?

Robin: Ich finanziere einen großen Teil meiner Reise mit selbstständiger Arbeit als Grafik- und Web-Designer. Ich war schon mein ganzes Leben lang ein ziemlich kreativer Kopf und hab mir über die Jahre sehr viel selbst beigebracht, bis zu dem Punkt, an dem ich meine Kreativität jetzt auch beruflich leben kann. Das mache ich über meine Firma Raindropcatcher.

Abgesehen davon, gebe ich mein Bestes, andere Menschen zum Reisen zu inspirieren. Das mache ich in erster Linie auf About Wings, wo ich auch mein BuchTravel More – the Guide to Travelling on a small Budget zum Zahl-so-viel-wie-du-willst-Verkauf anbiete. Wenn meinen Lesern die kostenlosen Artikel im Blog oder die Video-Serie nicht mehr genug ist, dann greifen sie auch gerne zu diesem E-Book, was mir wieder ein paar Kilometer Diesel und den Usern mehr Blogartikel und Reiseberichte bringt. Es ist ein schöner Kreislauf. Denn mein Publikum weiß, dass ich mich mehr meiner anderen Arbeit als dem Blog widmen muss, wenn es finanziell knapp wird. Und andersrum weiß ich natürlich, dass ich ihnen qualitativ hochwertige Produkte bieten will, um diesen Kreislauf aufrecht zu erhalten.

CamperStyle: Und wie geht es jetzt für dich reisetechnisch weiter?

Robin: Im Moment gefällt es mir gut in Spanien, aber ich möchte bald wieder aufbrechen. Im Frühjahr wird es wohl über Frankreich und die Schweiz wieder ein paar Monate nach Österreich gehen. Im Sommer nehme ich mir dann den Norden Europas vor. Oder eigentlich nicht ICH, sondern WIR. Denn, so wie es aussieht bin ich ab jetzt nicht mehr alleine unterwegs. Aber das ist eine andere Geschichte 😉

CamperStyle: Da sind wir ja mal gespannt, was das zu bedeuten hat! Vielen Dank, Robin, für dieses inspirierende und offene Gespräch. Wir freuen uns schon, dich bald auch persönlich kennenzulernen!

Wer wissen will, wie die Geschichte von Robin, „Hermes“ und dem geheimnisvollen neuen Reisebegleiter weitergeht, sollte unbedingt mal hier vorbeischauen: www.aboutwings.com!

Fotos: (c) Robin Raindropcatcher

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